was wir erlebt haben |
Theaterprojekt der 12. Klassen |
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Der brennende Stoff der Zeit
Zum Zwölftklass-Spiel am 27. und 28. März 2026 im großen Saal
Diesmal war vieles neu. Es war keine „Klassengemeinschaft“, die den „Gesang im Feuerofen“ von Carl Zuckmayer auf die Bühne brachte, sondern eine „Spielgemeinschaft“, die sich aus Mitgliedern mehrerer Kurse der zwölften Jahrgangsstufe zusammensetzte, nicht alle kannten sich schon vorher gut. In der Probenzeit von fünf Wochen waren neben einer Unterbrechung durch eine Ferienwoche und einer zweiten, ins Spiel investierten Ferienwoche auch die Chor-Intensivproben und die Orchester-Intensivzeit samt den beiden Konzerten enthalten, für zwei der Spieler dazu mit großen Solokonzerten auf ihren Instrumenten verbunden.
„Der Gesang im Feuerofen“ von Carl Zuckmayer, eindeutig ein antimilitaristisches Stück, war eine mutige Wahl, schräg zum gegenwärtigen Aufrüstungs- und Wehrpflichtgetöse im Lande stehend. Zuckmayer schrieb es, genesend von einem Herzinfarkt, den er 1948 erlitt. Vorher, noch im amerikanischen Exil, hatte er „Des Teufels General“ verfasst, das nach seiner Uraufführung 1946 unter den jungen Leuten, die selbst Naziherrschaft, Verführung und Verblendung, Gewissensqualen, das Sterben ihrer Freunde im Feld und das Elend der Bombardements erlebt hatten, ein breites Echo fand und viele weitere Inszenierungen erlebte. 1950, als „Der Gesang im Feuerofen“ in Göttingen uraufgeführt wurde, war die Stimmung umgeschlagen: In Deutschlands Westen hangelten sich die alten Nazi-Seilschaften wieder nach oben, indem sie sich gegenseitig Persilscheine ausstellten, das Wirtschaftswunder begann zu blühen, während sich der Ostsektor mit dem Grauschleier der kommunistischen sowjetischen Diktatur bedeckte. Die Trümmer wurden weggeräumt, so gut es eben ging, und über den Krieg wurde, wenn möglich, geschwiegen. Zuckmayer verarbeitete ihn, wie er selbst in seiner Autobiographie schrieb, in diesem Stück „auf metaphysischer Ebene, wenn auch im realen Milieu der deutschen Frankreichbesetzung und der Résistance“. |
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Sowohl die metaphysische als auch die realistische Ebene waren in der Inszenierung gut zu erleben. Die tiefe Bühne zeigte im Hintergrund ein kirchenartiges Portal, das zum (nicht sichtbaren) Schloss führte, in dessen Tür ein Lothringerkreuz, Symbol des französischen Widerstandes, ausgespart war. Die schwarze „Landschaft“ davor, bestehend aus Podesten verschiedener Höhe, Treppen und schwarz verhüllten dicken Säulen, war verwandlungsfähig. Durch kunstvoll eingesetztes farbiges Licht (Tom Schaarschmidt) und gelegentlich auch senkrechte weiße Vorhänge konnte daraus sowohl ein Gerichts- oder Ballsaal als auch eine Gebirgslandschaft werden. Und wenn die Handlung vordergründiger war, an Castonniers Biertisch, im Haus des Dorfkaplans, am Schreibtisch des Ortskommandanten oder im Stall spielte, wurde die Tiefe der Bühne weggenommen, durch einen dunklen Gazevorhang in entrückenden Nebel getaucht. Gelegentlich wurde der Zuschauerraum und so auch die Zuschauer einbezogen, damit Zuckmayer ziemlich nahe kommend: „Und wenn das Unheil andere heimsucht, Fremde, so ist es doch immer an euch geschehn und ist eure Tat…“
Nach der trockenen Verlesung der beiden Zeitungsnotizen, die Zuckmayer zum Stück inspiriert hatten, der ersten über das Todesurteil für einen Verräter, der mit den Nazis kollaboriert hatte, der zweiten über das Stranden von vierundvierzig Walen an der Küste Floridas, wurde es absolut magisch. Über die ganze Bühne verteilt, erschien der Chor der Lebenden und der Toten, schwarz gekleidet, dazu zwei Engel in Weiß. Eine Musik erklang, die nicht von irdischen Instrumenten zu kommen schien. Sie kam aus den Händen der Spieler, die klingende Gläser wie Kelche trugen. Etwas wie ein himmlisches Gericht tagte über den Verräter Creveaux, der als kleine, gewöhnliche Alltagsgestalt in der Mitte stand. Und leise und ergreifend setzte zu der Sphärenmusik noch eine andere, menschliche Musik ein, sehr leise, klanglich exzellent und präzise von einem durch zwei Bratschen dunkel gefärbten Streichquartett gespielt (von Jonathan Sauernheimer, Maja Sachteleben, Thalia Templeton, Gustav Quint), ein Schicksalsmotiv (2.Satz aus Beethovens 7.Sinfonie), das sich durch das ganze Stück leitmotivisch hindurchzog, vielfach verwandelt, verfremdet und gebrochen wurde. „Geht, und träumet euer Leben“, „Geht, und suchet eure Spur“, sprechen die Engel zum Chor, und dann beginnt die eigentliche Handlung. |
Ein französisches Dorf 1943 unter deutscher Besetzung nahe der Schweizer Grenze und des Genfer Sees. Es ist Adventszeit. Creveaux (Joshua Galsterer), allein auf der Bühne, dreht sich umständlich eine Zigarette, zu einem eigentümlich spannungsvollen flirrenden Tremolo von zwei Streichern. Die Zigarette ist das Instrument des Verrats, denn auf ihr Papier hat er vorher Informationen für den sichtlich machtbesessenen deutschen Truppführer der Heerespolizei Sprenger (stimmgewaltig und angemessen zynisch: Jarvis Niklaus) geschrieben. Warum Creveaux zum Verräter wurde, das erfahren wir von La Soularde, der Säuferin, beeindruckend in Spiel und Gesang von Julina Sunder dargestellt. „Die Stallmagd hat ein Kind geborn“, singt sie (Komposition: Kolja Zimowski), auf dem Tisch herumtorkelnd. Creveaux, ein Kind ohne Vater, aufgewachsen ohne Liebe, aber das ist noch nicht der ganze Grund. Dieser entfaltet sich während des Spieles und hat zu tun mit Sylvaine, im Stück anrührend verkörpert von Mara Riebandt und im zweiten Teil von Amelie Luther. Sylvaine verliebt sich in den deutschen Funker Silvester Imwald (Clara Sternberg, die sich der Rolle geradlinig, vielleicht etwas steif, aber berührend annimmt), aber sie lässt sich zum Befremden ihrer feinfühligen Freundin Michelle (von Giulia Meyer-Sihn und im zweiten Teil von Thalia Templeton gespielt) von Creveaux beschenken, hält ihn hin, will sich ein bisschen rächen an ihm, ihn ein bisschen quälen für in der Kindheit von ihm erlittenen Gemeinheiten, ohne zu ahnen, dass sie damit alle in den Tod reißt. Michelle, ihre Freundin, traut Creveaux nicht, und sie ist die einzige, die das deutlich sagt. Aber Creveaux ist Mitglied der Widerstandsgruppe, die Flüchtenden über die Schweizer Grenze hilft, das spricht für ihn.
Ein Höhepunkt der Inszenierung war die Szene im Gebirge. Vater Wind (Fiona Glässing), Mutter Frost (Julina Sunder) und Bruder Nebel (Amelie Luther), Wesen, die die Gebirgswelt mit großen Schwingen bestreichen, halten kurze, gewaltige Monologe über die Unbarmherzigkeit der Natur, begleitet von elementarischen Klängen, um dann zu Teilen der Landschaft zu erstarren. Eine kleine Gruppe klagender, mühsam ihren schweren Weg entlangstolpernder Flüchtlinge unter Führung von Creveaux erscheint, darunter ein alter Mann, der nicht mehr weiterkann und auf der Erde schlafen will. Seine verzweifelte Frau will ihn nicht verlassen (hoch emotional: Lena Maksymova, die auch die fast stumme Rolle der von Creveaux geschwängerten unglücklichen Blanche spielt, in der sie kurz vor dem drohenden Ende ein seltsam ergreifendes, fast engelhaftes Lied singt). Die französische Garde mobile ertappt die Flüchtlinge. Ihr Führer ist Neyroud (authentisch gespielt von Christiane Stavenhagen), dessen Sohn Marcel (Fiona Glässing) wiederum von den Deutschen verfolgt wird und sich in der Kirche des Dorfes versteckt hält. Neyroud will die Flüchtlinge laufen lassen, aber einer seiner französischen Soldaten, Albert (Lennart Schühmann), erkennt in einem der Flüchtlinge einen gesuchten Kommunisten (Maja Sachteleben), den Neyroud nun verhaften muss. Dessen Mutter (eindrücklich: Thalia Templeton) holt nun aus allen Taschen Geldscheine, um Neyroud zu bestechen, und hat plötzlich auch Branntwein, den sie vorher für den geschwächten Mann nicht hatte. Ihr Sohn (Maja Sachteleben) ist entsetzt über die Lügen und den Egoismus seiner Mutter. Nachdem Flüchtlinge und Soldaten die Szene verlassen haben, bricht der Verräter in ein wahrhaft teuflisches Gelächter aus. Streicht das am Boden liegende Geld ein. Aber auch ihm steht noch ein Schock bevor. Die Naturkräfte regen sich wider ihn. Mutter Frost, der er das Geld geben will in einer Art Ablasshandel, sagt: „Ich brauche dich nicht.“ Er, der Ausgestoßene, von der Natur Verworfene, flieht entsetzt.
Zuckmayer war im ersten Weltkrieg selbst vier Jahre lang Soldat, er kennt ihre Sprache und zeichnet in dem Stück die verschiedenen Charaktere genau: den Karrieristen und Judenhasser Albert (gespielt von Lennart Schühmann), Peter (Realist und Witzbold, Finn Meyer spielte ihn, es waren die einzigen Stellen im Stück, wo das Publikum etwas zu lachen hatte), Georg, der Mitläufer (gespielt von Louk Baas) und schließlich Martin, der Religiöse, dem als einzigem das Gewissen schlägt angesichts des geplanten Massakers am Weihnachtsabend. Sowohl die deutschen wie die französischen Soldaten versammeln sich bei Castonnier, dem Gastwirt des Dorfes (gespielt von Gustav Quint). Zuckmayer lässt die gleichen Spieler auch die Soldaten der Garde mobile darstellen, mit den gleichen, nur französisierten Namen, was schon eine Art Verbrüderung darstellt (die Zuckmayer im ersten Weltkrieg tatsächlich erlebt hatte). In der Inszenierung war wenig soldatischer Schneid zu spüren, den hatte der Krieg den Männern wohl längst abgekauft. Nur Oberwachtmeister Sprenger, ein Einzelner, ist ein fanatischer Nazi, und doch gelingt es ihm, kraft seiner Befehlsgewalt alle anderen zum Gehorsam zu zwingen. Sogar sein Vorgesetzter, Major Mühlstein (Yuma Lindemann), entzieht sich der Verantwortung für das geplante Massaker durch Abreise. Beim letzten Appell lässt Martin (fein, mit spürbarem innerem Engagement gespielt von Julian Oppenländer), als er versteht, was mit „Aktion Feuerofen“ gemeint ist, sein Gewehr einfach fallen.
Das von den jungen Leuten geplante Fest am Weihnachtsabend auf dem Schloss des Dorfes soll auch ein Paar zusammenführen, Francine (gespielt von Laura Falke), die Schwester des Dorfkaplans, und Marcel, den Sohn des Ortsgendarmen Neyroud. Der Dorfkaplan, dem auch das Schloss gehört (mit wahrhafter Würde gespielt von Jonathan Sauernheimer), will sie trauen.
Nun, es kommt anders. Die im wütenden Staccato hämmernde Musik eines Kammerensembles aus Streichern, Bläsern und Schlagwerk kündet es an. Sie gehen alle durchs Feuer. Zuckmayer lässt Michelle in großer Selbstüberwindung am Ende sprechen: „Herr, erbarme dich unserer Feinde.“ Auch wenn sie nicht gerettet werden wie die drei Männer im Feuerofen im Buch Daniel, sie singen und loben Gott.
Ein schweres Stück, und ein schweres Stück Arbeit für alle Beteiligten. Bühne, Kostüme, Licht, Musik, Programmheft, Werbung, alles war außer dem rein Schauspielerischen zu bedenken und zu realisieren. Heiko Hitpaß führte Regie mit ganzer Kraft, viel Geduld und guten, auch musikalischen Ideen. Bei den Kostümen half Felicitas Lewrentz, die sehr charaktervollen Fotos für das Programmheft stammen von Joshua Galsterer. Es waren exzellente Musiker unter den Spielern, und Kolja Zimowski konnte beim Komponieren aus dem Vollen schöpfen. Manchmal waren es nur „Bausteine“ für Improvisationen, die er vorgab. Schöne Chorsätze, leitmotivisch verwendete Zitate (außer Beethoven auch eines von Grieg, „Ǻses Tod“ aus der Peer-Gynt-Suite), erlesene Sololieder, Brecht-und Schostakowitsch-Anklänge, ein originaler französischer Adventsgesang…
Manchmal kommen die Wale an Land, lassen sich auf den Sand spülen, um zu sterben. So ähnlich sagt es Martin. Das ist die Zeit, wo keiner mehr weiß, was gut und böse ist. „Ich wollte an die Natur heran, ans Leben und an die Wahrheit, ohne …. mich vom brennenden Stoff meiner Zeit zu entfernen.“ So Zuckmayer in seiner Autobiographie. Machen wir es uns nicht zu einfach mit der Unterscheidung von Gut und Böse! Möge diese „Theaterreise“, wie die Jugendlichen das Projekt genannt haben, dazu beitragen, ans Leben und an die Wahrheit heranzukommen. Danke für den großen Einsatz aller Beteiligten, es war, bei aller Schwere, ein Projekt, das einen tiefen Eindruck hinterlassen hat.
Christiane Gerber-El Mekraoui |
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